Leidenschaft

Zur Fastenzeit 2022 in der katholischen Kirche St. Familia, Kassel

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Text von Angela Makowski

RAL 3017 „Bordellrot“, Höhe 1,64 m, Breite 5,20 m, LED-Schlauch in RGB Kunststoff, Konzept Rana Matloub, Ausführung Stefan Kemna. Am Ende ist das Wort.

Wer zur Fastenzeit Sankt Familia betritt, wird von einem magischen Leuchten angezogen. Ein Graffito aus Licht strahlt von der Höhe der Apsis herab. Sein schrilles Rot erfüllt den Raum und dringt in unsere Augen. Und wer die Augen schließt, bemerkt: Vor der Leidenschaft gibt es kein Entkommen.

Das Wort, das dort oben leuchtet, steht nicht in Standardschrift geschrieben, ist nicht in vorgefertigter, sachlich-nüchterner Typografie gefasst, sondern eine individuelle Handschrift mit expressivem Duktus und kalligrafischem Schwung bezeugt die menschliche Urheberschaft. Die Künstlerin hat mit großer Geste persönlich den Kirchenraum signiert. Das Mittel dazu ist der Werbeästhetik im städtischen Außenraum entnommen; der Alltag dringt in die Stille des Sakralraums ein und macht ihn zu einem Ort der Begegnung zwischen Menschen und ihren Leidenschaften. Letzteren hat Rana Matloub in einem zweijährigen Entwurfsprozess einen prominenten Platz zugeschrieben: ein Menetekel der menschenzugewandten Liebe. Ihr künstlerisches Konzept ist umso bemerkenswerter, als sich die Bibel zur Leidenschaft eher leidenschaftslos äußert. In nur wenigen Passagen wird sie mit der animalisch-heidnischen Affektwelt verbunden.

Das hat es in Sankt Familia noch nie gegeben: Der von der Liturgie bespielte Raum endete bisher am Tabernakel, gelegentlich am Taufbecken. Nun aber geht der Blick hoch und weit über das Kreuz hinweg in eine nicht exakt fassbare geistige Sphäre. Im Zugehen auf den Altarbereich verbinden sich Symbol und Wort; die unterschiedlichen Zeichensysteme kommentieren sich wechselseitig. Auch das Kreuz wird dabei überstrahlt von der Flammenschrift an der Wand – aber es wird nicht unsichtbar.

War bisher während der Fastenzeit das Kruzifix durch künstlerische Eingriffe verhüllt, wird nun ein umgekehrter Impuls sichtbar. Beim Durchschreiten des Raumes setzt sich das Kruzifix je nach Betrachtungsposition zum Schriftzug in wechselnde Beziehung: Es überdeckt das Wort in einzelnen Abschnitten – und gibt es partiell wieder frei.

So verknüpft sich in der diesjährigen Passionszeit das Symbol von Leiden, Tod und Auferstehung mit dem urmenschlichen Antrieb der Leidenschaft. Die Unter- und Oberlängen des Begriffs werden gleichsam zu Blut- und Bewegungslinien der tödlichen Lanzenstiche. Nach dem Durchgang unter dem Kreuz/Ist man unter dem Kreuz hindurchgegangen, enthüllt sich die offen zur Schau gestellte Leidenschaft zu vollkommener Freiheit.

Auf dem Weg vom Hauptportal zur Altarinsel fallen Leerstellen an den Wänden der Seitenschiffe auf. Rana Matloub hat die gemalten Kreuzwegstationen abgehängt, um damit unsere Phantasie von allen erzählenden, figürlich-bildhaften Vorstellungen über das Passionsgeschehen zu befreien. Einzig die Relation von Kruzifix und Leuchtspur soll diesmal den Meditationsweg entlang der Mittelachse bestimmen. Alles läuft auf das Kreuz hinaus – und darüber hinaus auf das Wort. Im Anfang war das Wort: „Alles ist durch das Wort geworden… in ihm war das Leben… das Licht der Menschen… und die Finsternis hat es nicht erfasst.“ (Joh 1, 1-5)

Predigtentwurf für eine Predigt in St. Familia von Rana Matloub

Liebe leidenschaftliche Gemeinde in St. Familia,

ich freue mich sehr, dass ich hier diese Arbeit realisieren durfte, und auch über die Einladung heute etwas zu meiner Arbeit zu sagen. Ich kann ihnen nicht sagen was genau diese Arbeit bedeutet. Ich kann ihnen sagen was sie für mich bedeutet. Wir Künstlerinnen und Künstler wollen und können unsere Kunst ja nicht erklären, sondern die Betrachterinnen und Betrachter, also Sie, sind hier gefragt. Wie wirkt die Arbeit auf Sie? Was bedeutet sie für Sie? Wenn die Arbeit fertig ist, entlassen wir sie in die Freiheit. Wir verzichten auf Kontrolle.

Es ist ein bisschen wie die Geburt eines Kindes. Da gibt es einen ersten Impuls, mit dem wir ungefähr neun Monate schwanger gehen. In diesem Fall waren es wie bei Elefantenmüttern 22 Monate, also fast zwei Jahre. Dann wird ein erster Entwurf geboren, den begleiten wir bei seinen ersten Schritten und in seiner weiteren Entwicklung. Es ist ein Gegenüber auf Augenhöhe. In diesem Fall ist das Gegenüber ein bisschen größer geraten. Das kann schon mal passieren, dass Kindern größer werden als ihre Eltern.

Als mich Angela Makowski fragte, ob ich eine Arbeit für St. Familia für die Passionszeit machen wolle, war mein erster Impuls, wir könnten unsere Sonntagskleider in den Mittelgang legen – wie die Menschen beim Einzug Jesu in Jerusalem. Als ein Bild für die Leidenschaft der Menschen für den kommenden Jesus. Allerdings sind wir dann doch davon abgekommen. Mich hat dann einfach dieses Wort Passion mit seinen zwei Bedeutungen fasziniert. Das hatte bei mir damit zu tun, dass mir schon immer die Überbetonung des Leidens in der Kirche weh getan hat. Das ist zunächst mal eine emotionale Sache, ein unmittelbares Gefühl. Ich habe es früher kaum ausgehalten in den Karfreitags-gottesdienst zu gehen, so sehr habe ich mit Jesus mitgelitten, wahrscheinlich, weil ich als Kind sehr oft krank war, und weil ich im Krieg im Irak, in meinem Geburtsland, viel mit den Menschen mitgelitten habe, die durch die Raketen starben.

Zum anderen ist mir irgendwann aufgefallen, dass wir als Kinder durch das Bild des leidenden Jesus so geprägt werden, dass wir denken und fühlen, dass wir leiden müssen, um Jesus, Maria und Gott nahe zu sein. Jedenfalls kann das passieren.

In der Passionszeit spielt das Leiden natürlich noch mal eine größere Rolle. Passionszeit, Fastenzeit, Zeit des Leidens. Leiden lernen? Ja, es ist richtig, wenn wir lernen was Leiden ist und mitleiden können, weil das ein wichtiger Beitrag zur Vermeidung von Leid ist. Wenn ich nie gehungert habe, werde ich nie verstehen, wie es einem geht, der hungert. Aber Leiden um des Leidens willen? Das ist wirklich überflüssig.

Von den zwei Bedeutungen des Wortes Passion, Leiden und Leidenschaft, ist die Leidenschaft leider ziemlich in den Hintergrund getreten. Obwohl es doch in den Geschichten der Fastenzeit viel mehr um Leidenschaft geht als um Leiden. Wieso gehen denn die Jünger und Jüngerinnen mit Jesus los? Bestimmt nicht weil sie leiden wollen, sondern aus Leidenschaft. Leidenschaft für andere Menschen, für ein anderes Miteinander, für Gerechtigkeit und Frieden, für das Leben. Weil sie gespürt haben: Da ist eine Sache die größer ist als ich selbst, und da will ich dabei sein, von ganzem Herzen.

Die Leidenschaft muss der Ausgangspunkt sein. Was ist mir wichtig? Wofür bin ich da? Das muss eine individuelle Entscheidung sein. Es geht ja nicht darum zu machen was mir gesagt wird, ein Schema zu erfüllen. Jetzt ist Fastenzeit, also faste ich. Jetzt ist Krieg, also ziehe ich in den Krieg. Sondern erstmal müssen wir uns ausrichten. Und dann sehen, was zu tun ist. Vielleicht ist dann auch Verzicht auf irgendetwas nötig. Oder dass ich mich selbst zurücknehme und beschränke. Aber nicht einfach so, sondern sehr bewusst, und als eigene Entscheidung. So individuell wie eine Handschrift.

Aber wieso ist die Schrift rot? Bordellrot, wie Angela Makowski in ihrem Begleittext schreibt? Natürlich ist sie rot. Wie alles, was von Herzen kommt. Rot wie Blut, rot wie die Liebe, rot wie die Leidenschaft. Das rote Blut ist unser Lebenssaft. Wenn es aber aus den Adern tritt, wird es gefährlich. Das Rot steht auch für unsere Verletzlichkeit. Wo Liebe und Leidenschaft ist, können wir auch leicht verletzt werden.

Bordellrot, ja. Es gibt auch Leidenschaften, die problematisch sind. Es gibt ungleiche Beziehungen, es gibt Ausbeutung. Es gibt sogar leidenschaftlichen Hass. Wenn es um Leidenschaft geht, müssen wir gut aufpassen. Leidenschaft ist etwas Heiliges. Vielleicht hängt sie deshalb da hinten in der Apsis.

Und es geht auch um Missbrauch. Es geht um die leibfeindlichen Traditionen in Kirche. Eigentlich sollten die theologisch überwunden sein, aber die Konsequenzen, die aus dieser Leibfeindlichkeit gezogen wurden, beschäftigen die katholische Kirche immer noch: Frauen wird das Priesteramt verweigert, Priestern die Ehe. Wieso?

Aber ich will damit nicht enden, es geht doch um mehr. Denn natürlich müssen wir in diesen Tagen doch viel über das Leiden sprechen. Es ist ein unglaubliches Leid, das Putin über die Ukraine bringt – und wie es damit weitergeht wissen wir nicht, vielleicht auch über ganz Europa oder auch die ganze Welt. Das weckt unsere Leidenschaftlichkeit. Wir stehen leidenschaftlich für den Frieden. Wir leiden mit, wenn wir die Bilder aus den belagerten und zerschossenen Städten sehen. Viele helfen mit viel Leidenschaft den geflüchteten Menschen.

Es geht um Gottes Leidenschaft für die Leidenden. Und unser Mit-Leiden. Es geht um den Schmerz der Opfer und um den Schmerz, diesen zu sehen. Leiden entfacht Leidenschaft. Kampfgeist. Jesus hat seine Leidenschaft für die Opfer ans Kreuz geführt. Ins Leiden. Kein Leiden um des Leidens willen. Es war sein Weg. Und er hat die Welt verändert. Aber dieser Leidensweg hat mit seiner Leidenschaft zu tun! Es ist ein Weg der Selbstbeschränkung, der Selbstzurücknahme. Das sollten wir nicht vergessen.

Aber vielleicht interessiert Sie und Euch auch, wie diese Arbeit ganz praktisch entstanden ist. Es ist nämlich so: Alleine hätte ich das niemals hingekriegt. Da ist ein großes Team zusammen am Werk gewesen, auch neben Angela Makowski und mir.

Denn die Frage war, wie sollte man eine solch große Leuchtschrift in der Kirche anbringen? Das Kreuz abhängen und die Schrift an diese Stelle setzen? Das ließ sich aus statischen Gründen nicht realisieren, und das Kreuz aus Gips ist zu empfindlich. Also anders, aber wie? Die Schrift vor das Kreuz hängen? Mit oder ohne Tuch vor dem Kreuz? Aber das war alles nicht gut. Schließlich die Schrift in der Apsis.

Aber auch da war noch nicht alles klar. Denn wie kriegt man eine Schrift in die Rundung? Die Angebote für eine Leuchtschrift sahen bis dahin alle eine gerade Schrift vor. Ich bin Stefan Kemna sehr dankbar, der so viele Möglichkeiten mit mir durchgegangen ist, der immer wieder neue Ideen hatte, die er zum Teil ausprobiert hat, damit wir sehen konnten, wie es aussieht. Als Lichtdesigner ist er sehr kreativ. Schließlich haben wir die LED-Lichtbänder in den korrekten Längen herstellen lassen, und Stefan Kemna hat sie mit 150 Schrauben und extra angefertigten Halterungen in der Apsis befestigt – mit einem Abstand von 5 cm von der Wand, damit die Aura entsteht.

So viel zur Entstehung. Ich habe mich sehr über das Ergebnis gefreut. Noch viel mehr Menschen haben dazu beigetragen: Die Gäste im Kirchenasyl mit ihrer Hilfe beim Aufbau. Der Liturgie-Arbeitskreis und die anderen Gremien von St. Familia. Alle, die geholfen haben, die Arbeit zu finanzieren. Mein Mann, Stefan Nadolny, denn hinter jeder kleinen Frau steht ein großer Mann. Und natürlich Harald Fischer, der von Anfang bis Ende hinter dem Projekt stand. Ich danke allen sehr herzlich für die Zusammenarbeit.

Und ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.