Heimat|en

Syker Vorwerk – Zentrum für zeitgenössische Kunst, Syke 2017

Drei Stichworte für Wege durch Rana Matloubs Ausstellung „Heimat|en“

Drei Stichworte als Ansatzpunkte für ein Verständnis der Ausstellung: Dreimal gehen wir durch die Ausstellung, jeweils mit einem Stichwort als Schwerpunkt.

Das erste Stichwort heißt Identitäten. Das ist ganz allgemein ein wichtiges Thema in der modernen Kunst – hier geht es um die Frage, was das mit Heimaten zu tun hat. Viele Leute fragen ja als erstes, wenn sie jemanden kennen lernen: „Wo kommst du her?“. Jedenfalls, wenn jemand nicht deutschstämmig aussieht. Für Migranten stellt sich die Frage „Wer bin ich?“ also ständig im Zusammenhang mit der Frage nach der Herkunft.

Ein Symbol für Persönlichkeiten in der Ausstellung sind die Tomaten. Tomaten werden reif, auch wenn sie nicht mehr an der Pflanze hängen, nicht mehr mit ihren Wurzeln verbunden sind (was im Grunde bei vielen Früchten der Fall ist, aber nicht bei vielen Gemüsen, und der Farbwechsel zur Komplementärfarbe Rot ist besonders eindrucksvoll). Rana Matloub sieht das als Bild dafür, dass Persönlichkeiten auch reifen können, wenn sie entwurzelt sind.

Auf dem Balkon steht ein Blumenkübel in Sternform. Darin wachsen Tomatenpflanzen. Die Form des Kübels ist ein achteckiger Stern – er gilt als arabischer Stern (auch der fünfeckige Stern wird in arabischen Ländern benutzt, in der Regel aber nicht der sechseckige jüdische Stern). Der Kübel in Sternform steht insofern für die Heimat der Tomaten (beziehungsweise Persönlichkeiten), von der sie aber jetzt losgelöst sind.

Im Vorwerk gibt es noch einen zweiten Kübel in Kreuzform. Das Kreuz ist Symbol des Christentums. Rana Matloub stammt aus einer christlichen arabischen Familie. Beide Symbole stehen für ihre Herkunft. Schon die Herkunft ist nicht „ein-fach“, sondern mindestens „zwei-fach“, zweifältig.

In dem großen Raum mit den Tomaten hängen große Zeichnungen von drei Personen, vielleicht eine Familie, die auch auf der Suche nach ihrer jeweiligen Identität sind. Bei dem Bild des Mannes wird dies besonders deutlich. Hier gibt es verschiedene Umrisse, die sehr unterschiedlich sind, d. h. verschiedene Bilder, Selbstbilder oder Fremdbilder, die einander ergänzen oder auch miteinander in Konkurrenz stehen. Diese zusammenzubringen, macht Identität aus. Bei den drei großen Zeichnungen im Flur handelt es sich ausschließlich um Bilder von Frauen; möglicherweise geht es hier um die geschlechtliche Identität.

Ein weiterer Raum ist auf den ersten Blick ganz leer. Auf den zweiten Blick sind dort Titelschilder zu finden. Hier muss sich der Besucher vorstellen, was nicht zu sehen ist: Rana Matloubs Kinder- und Jugendzimmer in Bagdad.

Identität hat viel mit Erinnerung zu tun, in diesem Fall eine Erinnerung an etwas, was nicht mehr da ist. Das ist zwar in gewisser Weise bei allen so, aber in anderem Sinne.

Auf der anderen Seite ist der Raum mit den Häkelarbeiten, eine der rätselhaftesten Arbeiten. Ich sehe in ihnen auch eigene Persönlichkeiten, die im Raum schweben oder wie in einem Aquarium miteinander herumschwimmen, jeder auf seine Weise.

Besonders wichtig für das Thema Identität ist eindeutig die „Visual Jockey-Arbeit“, bei der man zwei Ton- und zwei Videospuren mischen kann, so dass sich die westliche und die orientalische Identität überlagern.

Auch die andere Videoarbeit hat etwas mit der Suche nach Identität zu tun. Da ist Ahmet – ein Flüchtling – der wartet. Meines Erachtens ist kaum zu ertragen, was in dem Video zu sehen ist: Er weiß nicht so recht etwas mit sich anzufangen. Er hat große Fähigkeiten, die aber nicht zum Einsatz kommen. Er weiß nicht, wer er ist.

Das nächste Stichwort heißt Muster. Ganz auffällig gibt es natürlich das Betonmuster. Es ist ein klassisches arabisches Muster, das etwa in Moscheen und Kirchen häufig vorkommt. Zwischen den Elementen ergibt sich ein arabischer Stern und ein Kreuz. Das Muster steht vielleicht für die Verbindung von beidem, für die Möglichkeit christlicher Existenz in der arabischen Welt oder auch für die friedliche Koexistenz von West und Ost in der Welt insgesamt. Allerdings ist in diesem Fall das Muster zerstört, zum Teil liegt es nicht richtig, zum Teil sind die Elemente selbst auch zerbrochen. Ein Bild für das, was passiert ist durch die Kriege der jüngsten Zeit, in deren Folge das Christentum aus der arabischen Welt immer weiter verschwindet. An die Wand ist eine Katze gezeichnet, wie das Portrait eines Herrschers. Die Ohren angelegt, diese Katze steht unter Spannung, da heißt es aufpassen auf das Wilde, das die Ordnung zerstört! Auf der anderen Seite fliegen Federn – ob da die Friedenstaube gerupft worden ist?

Im Skulpturenpark gibt es das Muster noch einmal monumental. Der Versuch, diese Verbindung von Zweierlei festzuhalten? Betoniert für die Ewigkeit als ein Denkmal.

Muster finden sich in der Ausstellung noch an einigen anderen Stellen. Der Stern und das Kreuz finden sich als Pflanzkübel wieder. Die wollenen Persönlichkeiten bestehen aus Häkelmustern. Auch in der „VJ-Arbeit“ kommen Muster vor, je nachdem, welcher Effekt vom Benutzer eingesetzt wird. Dann die Lichtinstallation in den Abendstunden außen am Haus, bei der ein orientalisches Muster auf die Fassade projiziert wird. Das Fachwerkhaus ist bereits ein Symbol für Heimat. Darauf wird jetzt eine zweite Ebene projiziert, nämlich das orientalische Ornament. Heimat verändert sich. Das ist gleichzeitig schön und faszinierend und auch etwas bedrohlich. Diese Ambivalenz ist durchaus gewollt.

Das dritte Stichwort heißt Komplexität. Es ist eben nicht so einfach mit Heimat, mit Identitäten, mit dem Zusammenleben von Menschen aus verschiedenen Kulturen. In der Ausstellung geht es nicht darum, eine Position zu beziehen oder etwas schönzureden. Es ist kompliziert.

Gleich beim Betreten des zentralen Raums sieht man den Teppich mit den verschiedenen Ländergrenzen. Nationale Abgrenzung funktioniert nicht mehr. Die Realitäten in den Ländern überlagern sich. Natürlich entsteht dadurch eine ziemlich komplexe Situation. Komplexität ist auch ein Thema der orientalischen Muster. Dafür ist das Muster, das in der Lichtinstallation verwendet wird, ein gutes Beispiel. Solchen Mustern liegen komplizierte mathematische Berechnungen zu Grunde. In der arabischen Welt, in der die figurative Darstellung aufgrund des koranischen Bilderverbots keine weite Verbreitung fand, spielte das geometrische Ornament immer eine größere Rolle. Es steht für die göttliche Ordnung und ihre Komplexität für die Komplexität der göttlichen Ordnung, für deren Undurchschaubarkeit. Solche Muster überziehen heilige und besondere Gebäude wodurch sie aus dem Bereich des Profanen herausgenommen werden.

Dieses Muster taucht noch an anderer Stelle in einer gerahmten Zeichnung auf. Da ist ein Ausschnitt aus diesem oder einem ähnlichen Muster zu sehen, allerdings freihändig gezeichnet, schon deshalb nicht ganz perfekt und auch bewusst nicht ganz richtig. Es fällt etwas auseinander. Ein zeichnerischer Kommentar zu diesem Konzept, eine Infragestellung der Heiligkeit zumindest der Gebäude, aller menschlichen Konstrukte auch – und der göttlichen Ordnung ebenfalls?

In der „VJ-Arbeit“ zeigt sich die Komplexität der Persönlichkeitsbildung angesichts verschiedener Ursprungskulturen. Reichhaltig sind die Hintergründe, vielschichtig ist das Leben. Einfach ist hier gar nichts mehr.

Das gilt auch für die Ausstellung insgesamt. Sie ist sehr komplex, sehr vielschichtig. Ein Stichwort reicht sicher nicht, um sie zu beschreiben. Eigentlich müsste man alle drei im Kopf haben. Jetzt könnten wir beginnen, bei jedem Teil der Ausstellung die Bezüge zu anderen Elementen der Ausstellung zu betrachten – das ist nicht unwesentlich. Ein Teil hilft zum Verstehen des anderen. Ein Teil stellt das andere in Frage. Die Arbeiten „funktionieren“ durchaus einzeln, aber auch die Ausstellung als Ganzes ist eine komplexe künstlerische Arbeit.

Komplexität ist ein Merkmal unserer Zeit. Die Ausstellung versucht, sich dem zu stellen. Dem in einem begleitenden Text gerecht zu werden, bleibt immer Stückwerk.

Text: Stefan Nadolny